Die Kantischen Wurzeln von Jaspers’ politisch-geschichtsphilosophischem Denken

Die Kantischen Wurzeln von Jaspers’ politisch-geschichtsphilosophischem Denken

Nebil Reyhani

Der außerordentliche Einfluß von Kants Philosphie auf Jaspers ist eine Tatsache, an der nicht zu zweifeln ist und auch nicht gezweifelt wird. Tatsache ist aber auch, daß Jaspers’ Philosophie von der Kants wesensverschieden ist. Kants Kritik ist klar, fordert bei allem Denken Klarheit und ist selbst Klärungsarbeit. Bei Jaspers haben wir dagegen u.a. mit einer „vieldeutigen Sprache“ zu tun, in der die Transzendenz hörbar wird,1 obwohl nicht die Transzendenz selbst diese Sprache spricht.2 Auf der anderen Seite haben wir in Kants Philosophie mit einem starken Formalismus zu tun, der Jaspers’ Denken, bei dem es grundsätzlich auf den Gehalt ankommt, der die Existenz zu erhellen vermag, in krassem Gegensatz steht. Angesichts dieser Tatsache kommt einem der Zweifel auf, ob Jaspers sich nicht unberechtigterweise auf Kant als Autorität stützt und dabei das eigentlich Kantische preisgibt – oder der Zweifel, ob Jaspers sich in seiner Philosophie, die vorrangig Philosophie der Transzendenz ist, nicht unnötig auf Kants Philosophie beruft, die der Transzendenz gegenüber definitiv stumm bleiben muß. Jaspers sagt es selbst: „Kritische Philosophie ist Transzendental­philosophie, nicht Philosophie der Transzendenz“. Auch sein Urteil über diese Philosophie ist genauso unmißverständlich: „Sie ist von einer nicht zu überbietender Kargheit“. 3

Diesem Zweifel entgehen wir erst dann, wenn wir das, was Jaspers unter Aneignung der Tradition versteht, Ernst nehmen und den Kantischen Ursprung seiner Philosophie als Beispiel einer solchen Aneignung betrachten. Aneignung ist nach Jaspers, das wird ausdrücklich gesagt, nicht bloßes Übernehmen von Lehrinhalten. Von einem solchen unterscheidet sie sich dadurch, daß sie aus der Aktivität des eigenen Ursprungs entspringt.4 Der Aneignung muß also eine Unterscheidung vorausgehen, die eine Aktivität des eigenen Ursprungs ist und aus den Unterschieden der Ursprünge hervorgeht. Bei dem Kantischen Einfluß auf Jaspers’ Philosophie haben wir es also nicht mit einem bloßen Übernehmen eines bestimmten Lehrinhalts zu tun, sondern mit „Umsetzung“ dieses Inhaltes „in eigenes denkendes Tun“, mit einer Übernahme, die „das Erworbene durch Anverwandeln in eigenes Tun aufgehen läßt“, mit einem „Eindringen in das geschichtliche Philosophieren aus eigener Geschichtlichkeit“.5

Jaspers’ Vision einer Weltgeschichte der Philosophie stellt in einer Hinsicht die eigentliche Differenz im geschichtsphilosophisch-politischen Denken der beiden Philosophen dar. In zweierlei weiteren Hinsichten ist aber zugleich diese Vision selbst Kantischen Ursprungs. In dieser Vision ist zunächst die Differenz auszumachen; denn im Gegensatz zu Kant, der das Ziel der Geschichte, das er philosophisch als einen „Plan der Natur“ entdeckt, in Verwirklichung einer planetarischen Rechtsordnung findet, kann dieses Ziel für Jaspers erst durch eine werdende Weltgeschichte der Philosophie verwirklicht werden. Kants Idee, also „die Idee der Weltordnung des Rechts“ wie Jaspers in seinem Buch „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“ – allerdings ohne sich ausdrücklich auf Kant zu beziehen – sagt, „richtet sich auf menschliche Daseinsgrund­lagen, nicht auf den Sinn der Geschichte im Ganzen, und ist selbst noch eine Frage“.6 Zwar sind diese Daseinsgrundlagen als „Einheit in den Bedingungen für alle menschlichen Möglichkeiten“ Jaspers „unendlich wichtig“, sie sind aber trotzdem „nicht Endziel, sondern wiederum Mittel“.7 Das Ziel der Geschichte sollte daher nicht in der Einheit jener Bedingungen, sondern in der Einheit der Menschheit selbst gesucht werden. Diese als Ziel erst zu verwirklichende Einheit beruht darauf, daß Menschen, selbst wenn sie einander völlig fremd sind, sich gegenseitig angehen, d.h. eine Kommunikation versuchen. Daher „ist die für uns Menschen in Wahrheit erreichbare Einheit“, wie Jaspers es in Form einer Frage ausspricht, „nur die Einheit durch Kommunikation der geschichtlich vielfachen Ursprünge, die sich gegenseitig angehen, ohne in der Erscheinung von Gedanke und Symbol identisch zu werden, [...] das Eine, das nur noch im Willen zu grenzenloser Kommunikation wahr bleiben kann als unendliche Aufgabe im unabschließbaren Versuch der menschlichen Möglichkeiten“.8 Diese Kommunikation ist eine philosophische, und die Einheit dieser Kommunikation, die erst zu verwirklichen ist, ist „die Einheit der Weltgeschichte der Philosophie“, die es für Jaspers in Wirklichkeit noch nicht gibt, die vielmehr noch eine „Aufgabe“ ist.9 Denn eine wirklich universale geistige Kommunikation der Menschheit kann erst durch die Arbeit an einer Weltgeschichte der Philosophie verwirklicht werden. Daher ist die Weltge­schichte der Philosophie nach Jaspers „eine Aufgabe, die den geistigen Gang des Mensch­seins mitbestimmen wird“.10

Die Vision einer Weltgeschichte der Philosophie stellt sich in diesem Sinne als der wesentlichste Unterschied zwischen Jaspers’ und Kants Geschichtsauffassung heraus. In einer anderen Hinsicht ist jedoch selbst die Idee einer Weltgeschichte der Philosophie auf Kant zurückzuführen. Dieser Idee liegt nämlich die Kantische Unterscheidung zwischen Philosophie als Schulbegriff und Philosophie als Weltbegriff zugrunde. Den Unterschied zwischen Schul- und Weltbegriff im Allgemeinen definiert Kant wie folgt: „Weltbegriff heißt hier derjenige, der das betrifft, was jedermann notwendig interessiert; mithin bestimme ich die Absicht einer Wissenschaft nach Schulbegriffen, wenn sie nur als eine von den Geschicklichkeiten zu gewissen beliebigen Zwecken angesehen wird“.11 Nach dieser Definition ist die Philosophie im Weltbegriffe die, die „alle Menschen angeht“.12 Mit Philosophie meint Jaspers aber nicht nur im Kontext ihrer Weltgeschichte, sondern, wenn er nicht ausdrücklich vom Fach Philosophie spricht, stets diesen Weltbegriff, also die Philosophie, die den Menschen als Menschen angeht. Kants Unterscheidung zwischen Welt- und Schulbegriff benutzt Jaspers dementsprechend zur Unterscheidung der Philosophie von den Wissenschaften, wenn er sagt: „Während wissenschaftliche Erkenntnisse auf je einzelne Gegenstände gehen, von denen zu wissen keineswegs für jedermann notwendig ist, handelt es sich in der Philosophie um das Ganze des Seins, das den Menschen als Menschen angeht, [...]“.13 Dasselbe bringt Jaspers in seinem „Die großen Philosophen“ bei der Erörterung von Kriterien der Größe der Philosophen wie folgt zum Ausdruck: „Der Unterschied von der Geltung der Wissenschaften aber ist, daß im Philosophieren das Selbstsein des Menschen im Ganzen beansprucht wird, in den Wissenschaften der bloße Verstand des Bewußtseins überhaupt“.14 Mit besonderem Nachdruck weist Jaspers auf diese Eigenschaft der Philosophie hin, wo Menschen angesichts eines so ernsten Problems wie der Atombombengefahr, die kein Problem „unter anderen, sondern die Daseinsfrage überhaupt, die Frage nach Sein oder Nichtsein“15 bedeutet, nichts anders können, als allein durch das „Denken in ‚Ressorts’“ des Problems Herr zu werden versuchen. Hier handelt es sich nach Jaspers jedoch „um ein Grundproblem, zu dessen Lösung der ganze Mensch verlangt wird“. Daher ist Jaspers’ Absicht in seinem Buch über die Atombombengefahr, wie er selbst formuliert, „nicht von einem Ressort (etwa von der Philosophie als einem Fache) her Stellung zu nehmen. Sie wendet sich an das im Menschen, was über allen Ressorts liegt“.16 „Das Denken, das keinem Ressort angehört und an keines verfällt, ist“ aber, so nennt es Jaspers mit dem Namen „jene Philosophie, die in jedem Menschen vorausgesetzt werden darf, wenn auch in Schlummer“.17

Kants Unterscheidung der Philosophie als Weltbegriff von der als Schulbegriff beschränkt sich aber nicht darauf, daß die erste alle Menschen angeht. Im Weltbegriff findet Kant einen weiteren Unterschied, der im Zweck der Erkenntnis liegt und der Philosophie „Würde“ gibt.18 Demnach ist die Philosophie nach ihrem Schulbegriff, „ein System der Erkenntnis, das nur als Wissenschaft gesucht wird“, d.h. keinen anderen Zweck hat „als die systematische Einheit dieses Wissens, mithin die logische Vollkommenheit der Erkenntnis“.19 Nach ihrem Weltbegriff ist die Philosophie aber gerade „die Wissenschaft von den letzten Zwecken der menschlichen Vernunft“.20 Dementsprechend betrachtet Kant den Philosophen im Unterschied zu Mathematiker, Naturkundiger oder Logiker, die alle „doch nur Vernunftkünstler“ sind, nicht als Vernunftkünstler, sondern als „Gesetzgeber der menschlichen Vernunft“. Aus diesem Gesichtspunkt wird der Philosoph idealisiert als ein Lehrer, der alle Zwecke der Wissenschaften „ansetzt, sie als Werkzeuge nutzt, um die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft zu befördern“.21 Dieses Ideal steht in unmittelbarem Zusammenhang damit, daß Jaspers in dem ersten, einzig in die Tat umgesetzten Band seines Projekts einer Weltgeschichte der Philosophie über die großen Philosophen schreibt und sich in dessen Einleitung mit dem Begriff Größe recht ausführlich befaßt. Es darf nicht verschwiegen werden, daß etwa der „kurze Abriß einer Geschichte der Philosophie“, den Kant in einem Kapitel seiner „Logik“ zeichnet, der genau demjenigen Kapitel folgt, in dem er den Weltbegriff der Philosophie aufführt, sich von Jaspers’ Vision einer Weltgeschichte der Philosophie nicht nur vom Umfang her, sondern auch wesentlich unterscheidet. Gleichwohl wäre die Feststellung nicht verfehlt, daß Kant durch sein Konzept vom Weltbegriff der Philosophie, die den Menschen als Menschen angeht, und durch sein Ideal vom Philosophen als Lehrer, der die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft „befördert“, auch aus Jasperscher Sicht gesehen, die wichtigste Bedingung für eine Weltgeschichte der Philosophie erfüllt.

Wenn man zwei von Kants geschichtsphilosophisch-politischen Hauptschriften, „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ und „Zum ewigen Frieden“, mit denen Jaspers’, mit „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“ und „Die Atombombe und die Zukunft des Menschen“, vergleicht, springt eine Parallele ins Auge, die über die des Gegenstandes hinausgeht. In seinem Buch über die Atombombe, versucht Jaspers genau dem Beispiel Kants folgend, konkrete Bedingungen eines Weltfriedens zu entwerfen, die er als „Prinzipien eines politischen Weltfriedenzustandes“ darstellt.22 Wie Kant in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ verwirft auch Jaspers hier „die abstrakte Illusion eines Weltstaats“ zugunsten einer „Konföderation“.23 Trotzdem liegt zwischen den Schriften Kants und denen von Jaspers ein Grundunterschied: Jaspers’ Schriften unterscheiden sich von denen Kants dadurch, daß sie beide mit einem Appell an den Menschen als Menschen durchdrungen sind, fundamental. Zwar ist auch in Kants „Zum ewigen Frieden“ ein Appell, aber dieser ist vordergründig nicht an den Menschen als Menschen gerichtet, sondern in Ironie verkleidet, an die Machthaber, Kriegsherren usw. In „Idee zu einer allgemeinen Geschichte“ scheint der Appell hingegen ganz in Hintergrund getreten zu sein. Im Vordergrund steht die Natur, die selbst der „Eigenschaften der Ungeselligkeit“ wie „Ehrsucht, Herrschsucht oder Habsucht“ als Mittel bedient, um ihren Plan mit dem Menschen zu verwirklichen.24 Einen unüberhörbaren Appell, der an den Menschen als Menschen gerichtet ist, haben wir aber in Kants Schrift „Was ist Aufklärung?“, wo er in der Formel „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ unübertrefflich deutlich zum Ausdruck gebracht ist.25 Dieser Appell wird, zusammen mit Kants Urteil über das eigene Zeitalter gedacht, man lebe „in einem Zeitalter der Aufklärung“, nicht „in einem aufgeklärten Zeitalter“, zu einer Aufgabe, die der Mensch in der Geschichte bewältigen soll. Hier ist daher wiederum eine Parallele zwischen dieser Schrift und Jaspers’ „Gibt es eine Weltgeschichte der Philosophie?“: In beiden Schriften werden erste Ansätze zur Bewältigung einer Aufgabe der Menschheit ausgemacht; hier „das Zeitalter der Aufklärung, oder das Jahrhundert Friedrichs26 und da die verkehrstechnischen Möglichkeiten universaler Kommunikation. Über die formelle Parallele hinaus gibt es auch einen innerlichen Zusammenhang zwischen diesen beiden Schriften: Da die eigentliche Aufgabe, die durch die Weltgeschichte der Philosophie zu erfüllen ist, die universale Kommunikation ist, scheint Kants Aufklärungsappell hier total umgekehrt worden zu sein, was man wie folgt formulieren könnte: Habe Mut, fremden Verstand anzueignen. Das widerspricht jedoch dem Aufklärungsappell nicht, sondern ergänzt ihn. Denn die Vernunft, die in diesen Formeln anstelle des Verstandes eigentlich gemeint ist, ist, wie Jaspers es schlicht ausdrückt, „nur gemeinsam. Der Einzelne, für sich allein, kann nicht vernünftig sein“.27 Um nicht, wie Kant es ausdrückt, „ein Gipsabdruck von einem lebenden Menschen“ zu sein, wie einer, der „sich nach fremder Vernunft“ bildet, muß der Mensch die eigene Vernunft gebrauchen und sich dadurch von fremder Vernunft stets unterscheiden können. Durch die eigene Vernunft allein wird man jedoch, wie Jaspers es sieht, noch nicht vernünftig, deshalb muß er sich auch fremder Vernunft bedienen können. Oder, wie Jaspers es formuliert: Das „sich unterscheidende Selbtsein muß aneignen können, weil es aus eigenem Ursprung noch nicht zu sich kommt“.28 In diesem Sinne wäre in Kants Schrift über Aufklärung eine weitere Wurzel von Jaspers’ Vision einer Weltgeschichte der Philosophie auszumachen.

Der Appell, der bei politisch-geschichtsphilosophischem Denken von Jaspers im Ganzen hörbar ist, ist der Appell zum Glauben an den Menschen. Diesen Glauben formuliert er im Blick auf die Verzweiflung vor der Gefahr einer totalen Vernichtung der Menschheit wie folgt: „Die Alternative zur Verzweiflung ist allein ein Glaube an den Menschen, nicht an das, was er ist, nicht an die Menschen, sondern an das, was er als Mensch sein kann“.29 Dieser Glaube ist nach Jaspers aber nicht nur vor einer so extremen Gefahr entscheidend. Auch gegen den Zweifel, ob „es eine Weltgeschichte der Philosophie geben“ wird, ob sie nicht „im Augenblick, da sie beginnen könnte, vielmehr schon zu Ende“ ist,30 beruft er sich auf diesen Glauben: „Gegen solchen Zweifel steht kein Beweis, daß ausgeschlossen sei, was er befürchtet, sondern der Glaube an den Menschen“.31 Dagegen, daß dieser Glaube nicht nur angezweifelt, sondern auch als lächerlich zurück­ge­wiesen wird, stützt sich Jaspers an einer Stelle unmittelbar auf Kant. Jaspers stellt diejenigen, die die von ihm konstruierten „Prinzipien eines politischen Friedens­zustandes“ unrealistisch aber amüsant finden, Kants Antwort gegenüber32: „Eine Verfassung von der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen, welche machen, daß jedes Freiheit mit der andern ihrer zusammen bestehen kann, [...] ist doch wenigstens eine notwendige Idee, [...]. Nichts kann Schädlicheres und eines Philosophen Unwürdigeres gefunden werden, als die pöbelhafte Berufung auf vorgeblich widerstreitende Erfahrung, die doch gar nicht existieren würde, wenn jene Anstalten zu rechter Zeit nach den Ideen getroffen würden“.33 Was diese „Antwort“ besagt, erhellt sich durch ein anderes Kant-Zitat, das wir in Jaspers’ Schrift „Kants ‚Zum ewigen Frieden’“ lesen34: Selbst wenn der ewige Frieden „immer ein frommer Wunsch bliebe, so betrügen wir uns doch gewiß nicht mit der Annahme der Maxime, dahin unablässig zu wirken; denn diese ist Pflicht; das moralische Gesetz aber in uns selbst für betrüglich anzunehmen, würde den Abscheu erregenden Wunsch hervorbringen, lieber aller Vernunft zu entbehren und sich, seinen Grundsätzen nach, mit den übrigen Tierklassen in einen gleichen Mechanism der Natur geworfen anzusehen“.35 In der besagten Schrift deutet Jaspers diese Haltung wie folgt: „Kant erzieht, zu leben und zu handeln aus Möglichkeiten, die im Dasein scheitern können. Er will sie nicht preisgeben wegen Ungewißheit und sogar Unwahrscheinlichkeit. Diese Kraft kommt aus einem tieferen Grunde als das Planen auf Grund des Wissens und als das geschickte Beherrschen technischer Mittel“.36 Der Grund dieser Kraft ist, das läßt sich unschwer sagen, der Glaube an den Menschen. Ganz in diesem Sinne verteidigt Jaspers in derselben Schrift Kants Haltung gegen die politische „Klugheitslehre“: „Der Praktiker meint die Menschen zu kennen. Aber er kennt nicht den Menschen“.37

Zu dem Schluß, daß es sich bei Kant im Grunde um den Glauben an den Menschen handelt, käme man auch, wenn man überlegt, was es bedeutet, etwa der Idee des ewigen Friedens alle Möglichkeiten zur Realität abzusprechen. Dies könnte z.B. Ausdruck einer pessimistischen Haltung sein: dem Pessimisten ist diese Idee im Prinzip zwar durchaus wünschenswert, als Realist erkennt er aber auch, daß sie nichts weiter als ein bloßer Wunsch sein kann. Diese Haltung aber, solange die Unmöglichkeit nicht unzweifelhaft erwiesen ist, ist nicht haltbar. Denn der Pessimist, der sich in einem Standpunkt wähnt, von dem aus er über das Ganze der Menschen urteilen kann, ist auch selbst ein Mensch. Was aus dem Menschen wird, hängt also auch von ihm ab. Wenn er die Idee wirklich für wünschenswert hält, so muß er auch an deren Realisierbarkeit, selbst wenn diese auch so unwahrscheinlich erscheint, glauben. Denn da fallen Glaube und Wille zusammen: Wenn man will, glaubt man auch, und wenn man nicht glauben kann, dann dies, weil man es nicht will. Diesen Schluß zieht auch Jaspers in seinem Buch über Atombombengefahr, wo er den Glauben an den Menschen definiert: „Nicht auf Überzeugbarkeit und Vernunft zu vertrauen heißt, keinen Glauben an den Menschen zu haben, die Menschen preiszugeben, sie zu verachten und zu behandeln wie zu bändigende Tiere“.38 Wenn man an die Vernunft im Menschen nicht glauben kann, dann dies, weil man sich ihrer Leitung lieber entziehen will. Jaspers bringt dieselbe gegenseitige Abhängigkeit zwischen Wille und Glaube zum Ausdruck, wenn er in seinem „Die großen Philosophen“ über den Fortschrittsgedanken bei Kant folgendes sagt: „Der Fortschrittsgedanke gibt keine Antwort auf die Frage nach dem, was sein wird, aber wohl auf die Frage, was ich will“. Denn „ich kann nicht erkennen, was werden wird, wohl aber das voraussagen, woran ich, es hervorbringend, teilnehme“.39 Man sieht, daß der „Fortschrittsgedanke“ bei Kant eigentlich genau dem entspricht, was Jaspers selbst Glaube an den Menschen nennt.

In einem Vergleich von Jaspers mit Kant ist ein scheinbares Kuriosum, daß Jaspers bei seiner Bewunderung der Kantischen Philosophie von seinem Formalismus, der Jaspers’ eigener Philosophie überhaupt nicht zu passen scheint, nicht nur nicht absieht, sondern darin auch die eigentliche Tiefe seiner Philosophie findet. In seiner Schrift „Das radikal Böse bei Kant“ heißt es: „Der gegen Kant damals sogleich erhobene und bis heute wiederholte Vorwurf, daß seine Gedanken nur formal seien, trifft gerade das, was in ihnen die Tiefe des Philosophierens ist, [...]“. „Kants Stärke“, so fährt er fort, „ist, wo er in der reinen Formalität die Bewegung der Erhellung des Ursprungs vollzieht. Diese Kraft ist es, die so rein wie bei kaum einem anderen Philosophen [...] ohne Ver­schleierung und Erleichterung durch dargebotene Inhaltlichkeit an den eigenen Ursprung des Selbstseins appelliert“.40 Wenn man unter diesem Gesichtspunkt in Jaspers’ Philo­sophie umsieht, findet man auch dort einen Formalismus, der vielleicht auch als deren eigentliche Tiefe gelten kann. Jaspers scheint nämlich den Glauben zu formalisieren, wie Kant seinerseits den Willen. Jaspers, der den Aus­schließ­lich­keits­an­spruch jedes Glaubens verwirft, sagt es eindeutig: „Glaube heißt nicht ein bestimmter Inhalt, nicht ein Dogma“. Er ist für das Selbstsein aber umso entscheidender, ist „das Erfüllende und Bewegende im Grunde des Menschen, in dem der Mensch über sich hinaus mit dem Ursprung des Seins verbunden ist“.41 Das bedeutet aber auch nicht, daß inhaltlich alles einerlei ist. Ein Kriterium für den ‚richtigen’ Glauben gibt es, und das ist die Kantische Wahr­haftig­keits­forderung, die Jaspers in „Chiffren der Transzendenz“ zitiert: „Ich kann nicht wissen, ob das, was ich sage, wahr ist, aber ich kann und soll wissen, ob das, was ich sage, von mir wahrhaftig gemeint ist“.42 Er folgt dann dieser Forderung, wenn er angesichts des Offenbarungsglauben fragt: „Was sollen wir tun? Glauben wollen, was wir nicht glauben können?”43 und diese Frage für sich antwortet: „Nur in dem mir möglichen Bezug auf Transzendenz würde ich vor dieser schuldig, wenn ich dem mir nicht verständlich werdenden Offenbarungsglauben folgte“.44 Worauf es beim Glauben allein ankommt, ist also an den jeweiligen Inhalt wahrhaft glauben zu können. Hier haben wir aber so etwas wie den kategorischen Imperativ Immanuel Kants: Glaube nur an diejenigen Glaubens­inhalte, an die du wahrhaft glauben kannst. Durch diesen quasi-kantischen, unausgesprochenen ‚Imperativ’ gelingt es Jaspers, den Aus­schließ­lich­keits­an­spruch zu überwinden und dennoch viele, unbefragt einfach hingenommene Glaubens­inhalte auszuschließen.

In einer Hinsicht kommt aber alles auf den Inhalt an. Denn ohne zwischen den Inhalten einen Unterschied machen zu können, ist keine Kommunikation möglich. Kommunikation, wie sie Jaspers versteht, ist nicht Austausch von Informationen, sondern Konfrontation von Glaubensinhalten. Der fremde Glaube muß einen also irgendwie angehen, und schließlich kommt es grundsätzlich darauf an, was darin jeden angehen kann. Darauf stützt Jaspers auch seine Geschichtsauffassung. Nicht das Allgemeine in der Geschichte, etwa daß Menschen überall an irgendetwas geglaubt haben, zeigt Jaspers zufolge die Zusammengehörigkeit der Menschen, sondern gerade die Abweichungen in den Glaubensinhalten: „Was am Maßstab des Universalen eine bloße Besonderung ist, das kann gerade die Erfüllung eigentlicher Geschichtlichkeit sein. Die Einheit der Menschheit kann erst in der Bezogenheit dieses geschichtlich Besonderen aufeinander gründen, das nicht wesentlich Abweichung, sondern vielmehr positiv ursprünglicher Gehalt ist, nicht Fall eines Allgemeinen, sondern Glied der einen umfassenden Geschichtlichkeit der Menschheit“.45

Durch seinen Glaubensformalismus läßt Jaspers – mit einer formalen Einschränkung – alles Inhalt gelten. Erst dadurch macht er aber möglich, daß man in verschiedenen Glaubensinhalten nicht Abweichung, sondern „positiv ursprünglichen Gehalt“ findet, und in der Kommunikation sie aufeinander bezieht, worin die eigentliche Einheit der Menschheit liegt. Die Ergänzung des Formalen in diesem Beispiel ist wahrscheinlich auch in Jaspers’ Urteil über die Kantische Philosophie gemeint: „Kant ist zu ergänzen, aber so, daß dadurch erst die Wahrheit und Kraft seiner Philosophie ganz zur Geltung kommen“.46

1 Karl Jaspers, Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, München 1962, 157.

2 Ebd 173.

3 Karl Jaspers, Die großen Philosophen. Erster Band, München 1991, 603.

4 Vgl. Richard Wisser, Aneignung und Unterscheidung. Existenzphilosophie im Kampf um die Existenz der Philosophie: Karl Jaspers und Martin Heidegger. In: Karl Jaspers: Philosophie in der Bewährung, Würzburg 1995.

5 Ebd. 112.

6 Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, Hamburg 1955, 249.

7 Ebd 252.

8 Ebd 252.

9 Karl Jaspers, Aneignung und Polemik. Gesammelte Reden und Aufsätze zur Geschichte der Philosophie, Hrsg. v. Hans Saner, München 1968, 10.

10 Ebd 12.

11 Immanuel Kant, Werke in zehn Bänden, Hrsg. v. Wilhelm Weischedel, Darmstadt 1983, Bd. 4, S. 701 (Anmerkung).

12 Ebd Bd 4, S. 695.

13 Karl Jaspers, Einführung in die Philosophie. Zwölf Radivorträge, München 2001, 9 f.

14 Jaspers, Die großen Philosophen, 41.

15 Karl Jaspers, Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, München 1982, 24.

16 Ebd 21.

17 Ebd 23.

18 Kant, Werke, Bd. 5, S. 446.

19 Kant, Werke, Bd. 4, S. 700.

20 Kant, Werke, Bd. 5, S. 446.

21 Kant, Werke, Bd. 4, S. 700.

22 Jaspers, Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, 35 – 44.

23 Ebd 158.

24 Kant, Werke, Bd. 9, S. 38.

25 Ebd 53.

26 Ebd 59.

27 Jaspers, Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, 336.

28 Zitiert in: Wisser, Philosophie in der Bewährung, 110.

29 Jaspers. Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, 496.

30 Jaspers, Aneignung und Polemik, 11.

31 Ebd 12.

32 Jaspers, Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, 39.

33 Kant, Werke, Bd. 4, S. 323 f.

34 Jaspers, Aneignung und Polemik, 224.

35 Kant, Werke, Bd 7, S. 478 f.

36 Jaspers, Aneignung und Polemik, 228.

37 Ebd 213.

38 Jaspers, Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, 497.

39 Jaspers, Die großen Philosophen, 543.

40 Jaspers, Aneignung und Polemik, 202.

41 Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, 208.

42 Karl Jaspers, Chiffren der Transzendenz, Hrsg. von Hans Saner, München 1970, 35.

43 Jaspers, Der Philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, 167.

44 Ebd 197.

45 Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, 240.

46 Jaspers, Die großen Philosophen, 608.





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